|
Eine neue Musik für die Bibel Sich musikalisch mit der Bibel
auseinanderzusetzen, ist eine große Herausforderung. Zum einen ist die Bibel ein unerschöpfliches Werk, zum anderen sind ihre Geschichten schon mit vielen Gefühlen und Emotionen besetzt. Diese Tatsache fordert den
Komponisten, der sich musikalisch auf die Bibel einlassen will, auf, genau zu Recherchieren, genau Hinzusehen und Hinzuhören und sich sehr genau zu Fragen, welche Intentionen er selbst damit hat. Er muss also seinen
Standpunkt sehr gewissenhaft ausloten, um fundiert sein Anliegen angehen zu können. Sich mit der Bibel zu beschäftigen, heißt auch immer, sich auf einen kleinen Ausschnitt zu beschränken. Aber wie leicht wird diese
Aussage unscharf, wenn der Blick aufs Ganze, auf den gesamten Kontext fehlt? Mein Blick auf die Bibel beschränkte sich in den Jahren 2000/01 in meiner Komposition „in sospeso“, einer Karfreitagsmusik für
Kammerensemble, zwei Chöre und zwei Dirigenten auf die Erzählung vom Leiden und Sterben unseres Herrn Jesu Christi. Schwierigkeiten bereitete hier nicht der gewählte Ausschnitt oder der fehlende Blick aufs Ganze. Die
Erzählung hat einen konkreten Beginn mit dem letzten Abendmahl und einen endgültigen Schluss mit der Kreuzigung und dem Tod Jesu. In diesem Fall waren die Probleme anders gelagert. Zum einen gibt es die Erzählung in den
vier verschiedenen Fassungen der Evangelisten aus denen auszuwählen war, zum anderen ist es sehr mühsam einen eigenen unabhängigen Standpunkt einzunehmen, da es schon unzählige Vertonungen dieser Handlung gibt.
Erleichternd für mein Anliegen war die Tatsache, dass meine Komposition innerhalb einer Karfreitagsliturgie aufgeführt werden sollte. Die Bedeutung der zu erzählenden Geschichte relativierte sich, da sie in einen
größeren Kontext eingebettet wurde. Hinzu kam aber noch ein zweiter immens großer Aspekt: die nach der Passionserzählung vorgetragenen Improperien - die Erhöhung des Gekreuzigten an die Seite Gottes. In dem Moment der
Improperien wird die Gotteswerdung des Gekreuzigten gefeiert. Da nun die Aufgabe schon allein durch die jetzt entstandene unermesslich große Fülle an Informationen, Handlungen und Ereignissen unüberblickbar zu werden
schien, suchte ich mir einen anderen Standpunkt. Ich unternahm den Versuch, einen für mein Anliegen geeigneten Blickwinkel auf die Vorgabe, Musik für die Karfreitagsliturgie zu entwerfen, einzunehmen. Ich bestieg also
einen imaginären Hügel, von dem aus ich eine gute Sicht auf die Erzählung der Passion und der anschließenden Gottwerdung bekam. Diese neu gewonnene Aussicht betrachtete ich nun mit einer philosophischen Brille. Nach und
nach wurden die eigentlichen Handlungen und Geschehnisse unscharf und traten in den Hintergrund, immer schärfer zeichnete sich ein ganz anderer Aspekt ab. Beide Themen, sowohl die Passion wie auch die Improperien
bekamen nun ein gemeinsames Fundament: nämlich das Phänomen der Zeit. Die Zeit an sich lässt sich auf zweifache Weise betrachten und erleben: zum einen in ihrer linearen, geradlinigen Form, in der es einen Anfang und
ein Ende gibt, in der alles einmalig und unwiderrufbar geschieht und zum anderen in ihrer reversiblen, immer wiederkehrenden Form, wie es uns der Tagesablauf oder die Jahreszeiten vorgeben. Als Stellvertreter steht
für die Geradlinigkeit von Zeit der griechische Philosoph Heraklit, der sagt: „Es ist unmöglich, zweimal in denselben Fluss hineinzusteigen.“ Für die zyklische Bewegung, in der alles kreist und wiederkehrt, steht die
Handlung am Aschermittwoch, wenn Asche auf unser Haupt gestreut wird und uns unsere Vergänglichkeit mit dem Satz: „Aus Staub bist du und zu Staub kehrst du zurück“ bewusst gemacht wird. Da in Bezug auf die Passion die
eigentliche Handlung in den Hintergrund getreten ist, konzentrierte ich mich in den vier Abschnitten von „sospeso I“, die die Erzählung unterbrach, auf das Phänomen der Zeit. Ein Motiv, das in seiner Klanggestalt für
die Emotionen der Handlung und der Handelnden steht, wird immer und immer wiederholt. Diese Kreisförmigkeit ging dadurch verloren, dass ich jedem der 11 beteiligten Instrumenten dieses Motiv zuwies, aber auf einer
anderen Tonhöhe stehend und in einer anderen Geschwindigkeit. 11 Instrumente spielen also unabhängig voneinander, rücksichtslos ihr Motiv, jeder überzeugend in seinem eigenen Tempo. Dem Hörer tritt ein schier
undurchdringliches klangliches Chaos gegenüber, das ihn so überfordern soll wie die Geschichte, um die es eigentlich geht. Der Hörer wird aufgefordert, durch selektives Hören wahrzunehmen, dass es Wiederholungen gibt,
die in diesem Moment zu Erkennungszeichen werden und dass dem Klangerlebnis doch eine Ordnung, etwas Sinnstiftendes, zugrunde liegt entsprechend dem Gehalt der Passionsgeschichte. Noch unfasslicher und unlösbarer
zeigt sich die Aufgabe bei den Improperien. Kaum ist Jesu gestorben, soll der Gekreuzigte als Gott angebetet werden. Dies ist mit Sinn, Verstand und Vernunft nicht zu begreifen. Wenn Jesus aber zu Gott gelangt, hilft
uns vielleicht ein anderes Bild weiter: das Bild der Ewigkeit. Ein Zustand also, in der es keine Zeit mehr gibt, einen Zustand der absoluten Zeitlosigkeit. Dies ist musikalisch aber nicht umzusetzen, da Klang immer in
der Zeit stattfindet. Ein Scheitern ist also vorprogrammiert. Wenn sich Zeitlosigkeit nicht beschreiben lässt, bleibt mir nur die Möglichkeit, sich dieser Thematik vorsichtig anzunähern. In der Komposition zur
Kreuzverehrung „sospeso II“ wird das Verschmelzen unterschiedlicher Geschwindigkeiten zu einer gemeinsamen nachvollzogen. Es singen und spielen also zwei Ensembles mit zwei Dirigenten, die sich an zwei unterschiedlichen
Positionen befinden, die gleiche Musik in unterschiedlichen Geschwindigkeiten. Durch unmerkliche, kontinuierliche Tempoveränderungen treiben die beiden Ensembles ihre Musik immer weiter auseinander. Der Zuhörer kann
nachvollziehen, wie eine Gruppierung fast verloren geht, bis sie dann doch wieder aufholt und sich der anderen Gruppe wieder annähert und mit ihr zu einer Einheit verschmilzt. Durch diese minimalistischen
Tempoverschiebungen entstehen neue Klangräume und das Wahrnehmen von Musik bekommt immer neue Reize. „In sospeso“ eine Karfreitagsmusik, ist der Versuch einer Annäherung, einer Annäherung an das
Unfassbare, dass allen Passionen innewohnt. |